Eine Leidenschaft fürs Leben – Die Piro Familie in Dikmen
Von Heidi Trautmann
Vor vielen Jahren lebte in Ağirdağ ein junger Mann, der seit den Tagen seiner Kindheit die Berglandschaft um sein Dorf herum erkundet hat, so gut wie die Ziegen, die er hütete. Bald waren ihm die Hügel aus seiner Umgebung nicht mehr genug und er dehnte seine Wanderungen entlang den Hügeln der Kyrenia Bergkette in beide Richtungen aus. Es galt Höhlen zu erforschen, was konnte interessanter und abenteuerlicher sein.
Eines Tages, er befand sich in der Nähe von Ozanköy, entdeckte er in einer Höhle Tongegenstände aus der Bronzezeit, wie er bald herausfand, und da er ein kluger junger Mann war, war er sich voll bewußt des Wertes, den er da in den Händen hielt. Mit der Zeit und nach weiteren Funden wurde er zu einem Experten auf dem Gebiet und – um seinem Hobby auch eine andere Bestimmung zu geben, baute er ein Restaurant, das er Bronze Age Restaurant taufte. In seinem realen Beruf war er nämlich Baumeister.
Leider teilte die Polizei nicht seine Begeisterung, als er eines Tages am Flughafen mit 55 Stücken im Koffer erwischt wurde. (Er zeigte mir den Zeitungsartikel). Er wurde verurteilt zu einer deftigen Geldstrafe für die kriminelle Tat, kulturelles Erbe ausser Landes schaffen und verkaufen zu wollen.
„Als ich schweren Herzens meine Strafe bezahlt hatte, dachte ich mir, dass es sich bei aller Liebe nicht lohnt, diesen Weg weiter zu beschreiten.“ Aber wie das so mit Leidenschaften ist, konnte er sich gedanklich nicht von der Schönheit der Artefakte lösen, erinnerte sich dieser herrlichen Tonstücke aus der Bronzezeit, spürte sie in seinen Händen, die samtene Oberfläche von Gefäßen, Figurinen, verschiedenen Behältern für den Haushalt und zur Gottesverehrung, wundervoll dekoriert mit Strichmustern. „So entschloss ich mich, sie selbst herzustellen. Da ich schon als Junge mit Ton aus unserer Umgebung gearbeitet hatte, war das für mich kein Problem.“ Tonvorkommen gibt es vielerorts auf Zypern, in seinem Fall an einem See in der Nähe von Ağirdağ – Sirinevler.
„Ich brachte das Arbeiten mit Ton auch meinem Sohn bei, das sorgfältige Kneten, Aufbauen und Formen, bis eine harmonische Einheit entsteht, so wie es unsere Vorväter taten. Nein, nicht mit der Scheibe, auch nicht über eine Negativform, in die der flüssge Ton gegossen wird. Nein, jedes einzelne Stück ist handgeformt!”
Hikmet Uluçam, Künstler und guter Freund, der selbst ein leidenschaftlicher Keramiker ist, hatte mir von Ali und Mehmet Piro erzählt, die ihre Werkstatt heute in dem alten Restaurant in Dikmen eingerichtet haben, an der Straße zwischen der Near East University zur Autobahn Girne-Lefkosa gelegen. Bis vor einem Jahr hatte er noch viele Gäste in seinem Lokal, die seine Kebabs und türkischen Spezialitäten schätzten, aber die neuen Auflagen für Restaurantbetriebe waren für die Familie einfach zu hoch und sie mussten das Lokal schliessen. Dort, unter den Bögen der grossen Halle, haben die beiden Tonkünstler ihre Arbeiten ausgestellt. Wenn Hikmet mich nicht vorbereitet hätte, hätte ich die Artefakte für absolut echt gehalten.
“Ja”, sagt Vater Ali, mein Sohn hat bei der Verwaltung für Altertum den Antrag gestellt, diese Artefakte herstellen und mit seinem Namen zeichnen zu dürfen. Hier ist das Dokument, hier an der Wand!” Und der stolze Vater Ali, lässt mich das Dokument lesen, mit dem Mehmet Piro die Erlaubnis hat, Kopien von Bronzezeit Artefakten zu erstellen und zu verkaufen. Soviel wie ich erfahre, nimmt diese Abteilung und andere ebenso seine Arbeit gerne und oft in Anspruch.
Ali rückt Stühle heran, um seinen kleinen Arbeitstisch herum nahe am Fenster. Drei Piros, Vater, Sohn und Tochter, sind dabei, die Stücke, die sie vor zwei Tagen gemacht haben, d.h. der Ton ist lederhart, mit feinen Linien zu dekorieren. Das getan, wird ein Untersatz angefügt mit viel flüssigem Ton, um die Verbindung stabil und glatt zu machen. Nach kritischer Begutachtung geht das Stück zurück auf das Regal zum Austrocknen.
Wie lange brauchen sie für ein Stück dieser Art bis zum Brennen, frage ich. „An die vier Tage“, meint Mehmet, „alles zusammen genommen, denn das Dekorieren und Kolorieren geschieht auch vor dem Brennen. Wir benutzen unseren grossen Kebab Ofen für den Brennvorgang, so wie es die Alten taten. Die Rohware wird in den Ofen gesetzt und ein gutes Feuer darum aufgebaut. Wenn die Flammen fast weiss aufglühen, haben wir eine ungefähre Temperatur von 600-750°C erreicht. Das Feuer muss für ca. sechs Stunden voll aufrecht erhalten werden. Wollen wir einen schwarzen Finish erzielen, bedecken wir die Stücke mit Asche oder Laub. Nach sechs Stunden lassen wir das Feuer absterben und die Ware auskühlen.“
Ich denke mir, dass da wohl sehr viel auch theoretisches Studium dahinter steckt, da sie den gesamten Ablauf so gut beherrschen, und Mehmet bestätigt dies. „Wir haben uns Bücher besorgt, die unsere Fragen zur Technik abdecken, auch die gebräuchlichen Muster enthalten.“ Mehmet gibt mir einige Bücher zur Hand, und ich finde interessante Beispiele, die ich abfotografiere.
Für mich ist die Begegnung ein weiterer Beweis, dass es eine unzerreissbare Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit gibt. Es braucht aber auch Menschen wie Mehmet und Ali Piro, dies unter Beweis zu stellen und uns und den Menschen in unserer Zukunft vor Augen zu führen, welch fantastische Vergangenheit wir besitzen.
Adresse: Mehmet Piro: 0533 877 0463; 0392 237 2136 (home) and 0392 237 2135 (studio).